Selbstentdeckung Männer

SelbstEntdeckung in der Natur

Autor: Dr. Burkhard R. Knipping

Die Natur – selbst die begrenzte ‚Natürlichkeit’ eines städtischen Parks – ist das Gegenstück zum Büro, zur Werkstatt, zur Fabrikhalle, zur Fahrzeugkabine etc. Dadurch haben sehr viele Männer in der Natur das gute Gefühl von Freiraum, von Entspannung, von Leben. Im Grünen fühlt Mann sich unbedrängter und ungezwungener; hier kann er sich körperlich freier bewegen und wird dadurch leiblich-geistig lockerer. Darum mögen sich Männer sich hier auch freier, ehrlicher und offener geben – in den eigenen Gedanken und im Gespräch mit anderen Männern.


Wenn Mann sich im Grünen so anders – ja, fast neu entdeckt, wird er auch aufmerksamer für seine unmittelbare und weitere Umgebung. Je unbesiedelter die Natur ist, umso mehr.

Selbsteinschätzungen verändern

Und Männern, die freier, offener, aufmerksamer unterwegs sind, fällt etwas auf: Die Natur demonstriert ihnen die ihr eigenen Kräfte des Wachsens, des Reifens, des Wandels. So signalisiert die Natur ihnen, dass auch ohne das Tun von Männern Dinge geschehen und entstehen.

 

So wird die manchmal durch Familienarbeit, Berufstätigkeit und ehrenamtliche Tätigkeiten geprägte Einschätzung mancher Männer, dass sie ‚Machende‘ seien und alles in der Hand haben, in Frage gestellt. Ein kräftiges Erschrecken kann da folgen. Positiv gewendet: Männer merken, dass sie Teil eines Größeren sind und nicht Kopf des Ganzen. Dieses Gefühl und diese Einsicht können Männer entlasten.

Akzeptieren und sich hin(ein)geben

Wer in der Natur ist, ist dem Wetter ausgeliefert. Ob Sonnenschein oder Regen, ob Wind oder Wolken – etwas, was nicht Mann gemacht ist, sondern eigenständig da ist, bestimmt alle Rahmenbedingungen des männlichen Da-seins. Diese Situation lässt ein Gefühl des Abhängig- und Ausgeliefertseins aufkommen. Auch das ist für Männer wieder eine Kontrasterfahrung zu ihrem Selbstbild.

 

Die Erfahrung verunsichert sie und kratzt ihr Ego an. Denn sie können nichts am Wetter ändern; sie müssen es akzeptieren oder nach Hause gehen. Wer bleibt, gibt sich hinein und wird hingabefreudiger.

Raus aus der eigenen Enge

Männer verleben ihren Alltag zwischen Wänden: den Zimmer- oder Bürowänden, den Wänden der Lager- oder Fabrikhalle, den Häuserfronten. Die Sichtweite ist immer kurz: auf den Bildschirm, auf die Maschine, auf die Straße. In all dem ist für Männer wenig Perspektive, wenig Horizont und kaum Himmel drin, und das ist so auch im übertragenen Sinne.


Draußen in der Natur öffnet sich dann der Raum für die Männer: Der Blick geht ins Ferne, der Horizont ist weit, der Himmel neigt sich tief auf die Erde. Ein Gefühl der Freiheit kommt auf, aber auch der Verängstigung - so ungewohnt und ungeübt ist der freie Raum. Da fragt Mann sich unweigerlich: „Warum bin ich so eingeschränkt? Warum so eingequetscht? Wo und wie komme ich aus meiner Enge raus?“

Alles nach Plan?

In der Natur können Männer die Schönheit der Natur entdecken als eine Ästhetik ohne Planung, als ein Wunder; denn die Natur wie ihre Schönheit entstehen aus sich selbst und aus eigener Kraft.

 

Dieses inmitten der Natur zu entdecken, ist eine Entdeckung für Männer, die überraschende Fragen aufwirft: „Muss in meinem Leben alles nach Plan und nach Vorgaben laufen? Habe ich überhaupt einen Plan für mich, für mein Leben oder empfinde ich mich als verplant? Gibt es in mir ein inneres Baumuster? Mit Blick auf meine Beziehungen und auf meine Arbeit: Bin ich Wachstumshelfer oder eher Zerstörer?“

Was ist, wenn...?

Der umgestürzte Baum, das alte Blatt, die frische Knospe, das weite Weizenfeld, das Moos auf dem Felsbrocken sagen Männern: Werden und Vergehen sind alltägliches Geschehen – überall und immer. Was bleibt oder nicht bleibt, liegt nicht in Eurem Ermessen. Was wächst und gedeiht, findet in sich und im Boden seine Kraft. Und ein Weiteres wird den Männern in der Natur klar: Sie sind machtlos, wenn es ums Ganze und ums Leben geht.


Kaum ein Mann kommt dann umhin, sich folgende Fragen zu stellen: „Habe ich in mir ebenfalls Wachstumskräfte? Habe ich für mich eigenen und guten ‚Boden‘ oder stehe ich auf wackligem Fundament (‚auf Sand gebaut’)? Wenn ich plötzlich sterben müsste, wird wer wie ungut betroffen sein?“ Spätestens hier hat der Blick das eigene Berufsfeld verlassen und geht der sorgende Blick zum/r Partner/-in, Familie, zu Freunden und zur Verwandtschaft.

Kräfte entwickeln

Die Bewegung in der Natur zwingt die Männer Kräfte zu entwickeln: Erleben, gehen, durchhalten usw. Neben den körperlichen Kräften sind die leiblich-geistigen Kräfte gefordert: Eindrücke aufnehmen, Gedanken ertragen, schwierige Fragen annehmen, Infragestellungen akzeptieren …

 

Um all das auszuhalten, muss Mann Kräfte entwickeln – mehr als sonst, andere als sonst. Und die Männer können es; sie halten den Verlust von Energie wie Sicherheit aus. Sie merken sogar: Es tut mir gut, es entspannt mich, und es bringt mich weiter.

Das Unbegreiflliche und das 'Mehr' spüren

Natur fasziniert Männer: Einerseits ist sie schön anzusehen, zu erleben, zu empfinden, andererseits emotional sehr anstrengend, auch Angst machend und Existenzfragen aufwerfend.

 

Dieses Doppeldeutige in ein und demselben und dieses Hin-und-Her der Emotionen weckt bei wohl jedem Mann das innere Gespür für das Unbegreifliche des Lebens und für das ‚Mehr‘ in und hinter allem Leben. Spätestens jetzt entdeckt der Männer-Blick die Natur als Schöpfung, als Gottes Schöpfung.

Spirituell unterwegs

Insofern ist die Natur ein Eigen- oder Anders-Ort, der im Wanderer, im Bergsteiger, im Kanufahrer, im Jogger, im Pilger … – falls dieser nur wachsam und aufmerksam unterwegs ist – Empfindungen der Irritation, des Staunens, des Respekts, der Ehrfurcht und des Dankes hervorruft.

 

Und der unterwegs seiende Mann bemerkt, dass sein Ringen um Wahrnehmen, Verstehen und Reagieren eine Spiritualität ist, die im Mann tief innen beginnt, aber auf sein konkretes Leben antwortet. Man kann diese Spiritualität eine Spiritualität erster Art oder eine primordiale Spiritualität nennen.

Jesu Gedanken folgen

Der die Männer begleitende Verantwortliche kann durch kleine Impulse die Erlebnisse vertiefen, die Reflexionen anregen, die Erfahrungen ins Wort bringen. Dafür sind viele Gleichnisse (u.a. die Wachstumsgleichnisse) aus dem Neuen Testament hilfreich, denn sie drücken auf ihre Weise aus, was die Männer unterwegs entdecken.


Mit dem Aufgriff der Gleichnisse Jesu wird auf nahe liegendem Weg die Perspektive von der Schöpfung hin zu Jesus Christus gelenkt. Die Männer entdecken Jesus als den Mann, der bereits ausgedrückt hat, was sie aktuell empfinden, entdecken und erfahren. Er zeigt ihnen mit seinen Gleichnissen, dass ihre Erfahrungen ein guter Ausdruck der Religiosität sind und zum christlichen Glauben gehören.

Arbeitsbereich Männerpastoral unterstützt pfarrliche Pilotprojekte mit Männern in der Natur

Aktionen in der Natur als Möglichkeit der SelbstEntdeckung hat der Arbeitsbereich Männerpastoral vielfach veranstaltet. Insbesondere obliegt es dem Arbeitsbereich Männerpastoral, Pastorale Dienste oder Ehrenamtliche von Pfarreien zu unterstützen, wenn sie eine Aktion in der Natur erstmalig durchführen wollen.

 

Bei solchen Pilotprojekten in Pfarreien nimmt der Referent der Männerpastoral an Planungen, Vor- und Nachbereitungen und wenn gewünscht auch an der Durchführung teil. | mehr...