Tag der Lehrerinnen & Lehrer bei der PäWo 2018

Tag der Lehrerinnen & Lehrer bei der PäWo

Das „Christliche Menschenbild" als Deutung, Orientierung und regulative Idee

Die Rede vom ,christlichen Menschenbild' ist der Versuch, im Lichte christlicher Grunderfahrungen und -überzeugungen zu verstehen, was Menschsein und menschliche Würde ausmacht. Sie ist zugleich ein Deutungsangebot, das von bestimmten Mustern der Weltwahrnehmung, von biblischen, religiösen oder philosophischen Überzeugungen und von geschichtlichen Erfahrungen geprägt ist. Wenn auch die starken Voraussetzungen dieser Rede in einer pluralen Gesellschaft nicht mehr von allen geteilt werden, so sind die Implikationen christlicher Anthropologie für das nicht-religiöse Denken offen und anschlussfähig.

Nach biblischer (christlich-jüdischer) Auffassung ist das absolut Unverrechenbare menschlicher Existenz, anders gesagt: die unantastbare menschliche Würde in einer Wirklichkeit verankert, die den Menschen grundsätzlich übersteigt und deshalb seiner Verfügbarkeit entzogen ist. Der Mensch ist nicht die letzte, sondern „nur" die vorletzte Instanz. Als Geschöpf (Gen 1,27) und Bild Gottes (Imago Dei) verdankt sich seine Würde allein der unverlierbaren, gnadenhaften Beziehungsaussage seines Schöpfers. Das Kind und der Heranwachsende werden nicht erst zu Menschen, sie sind es von Anfang an. Der Wert und die Würde ihrer Person bemessen sich zu keiner Zeit nach ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihren Begabungen, ihrer Leistung oder (ähnlichem) Nutzen. Als Kern des christlichen Humanums liegt die Würde vielmehr aller Erziehung und Bildung voraus, an der so kritisch Maß zu nehmen ist.

Das christliche Menschenbild impliziert näher hin verschiedene Spannungsverhältnisse, zwischen deren Polen sich menschliches Leben zu verstehen sucht. Diese Spannungen zu halten, ohne sie nach der einen oder anderen Seite hin aufzulösen, erweist sich auch in Bildungs- und Erziehungsprozessen als Herausforderung.

Zwischen Verdanktheit und Autonomie

Was Menschsein bedeutet, erschließt sich im biblisch-christlichen Verstehenshorizont aus der Beziehung zum Schöpfer-Gott: Als Geschöpf ist der Mensch nicht einfach ins Dasein „geworfen", sondern in der ganzen Vielschichtigkeit seiner Existenz gehalten und getragen von einem Urheber, der sein Geschöpf wohl-wollend begleitet. Damit ist ein Vor-Zeichen für alle weiteren Deutungsmomente gesetzt. Eine solche nicht selbst hervorgebrachte, sondern vielmehr rein verdankte Existenzweise ermächtigt zu Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit; sie stellt den Menschen vor die Herausforderung, seine Welt aktiv und verantwortlich zu gestalten (Gen 1,28), sein Leben in die Hand zu nehmen und es im Sinne seiner Fähigkeiten und in Beziehung zu anderen zu führen. Als zur Freiheit Berufener ist der Mensch ,bildsam` und ‚lernfähig', sich seine Persönlichkeit selber auszubilden - mit dem Ziel,als freie und eigenverantwortliche Person amsozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen und religiösen Leben teilzunehmen.

Zwischen Individualität und sozialer Verwiesenheit

Jedes menschliche Leben ist nach christlicher Überzeugung einmalig und unverwechselbar. Zugleich ist der Mensch als Abbild des communialen Gottes aber schon hinsichtlich seiner Genese auf menschliche Gemeinschaft und Gesellschaft hingeordnet und angewiesen. M.a.W. der Mensch ist zugleich beziehungsfähig, aber auch bleibend beziehungsabhängig. Diese Spannung gehört zu den strukturierenden Grundmomenten des christlich gedeuteten Personbegriffs, der von daher auch für die Bereiche von Erziehung und Bildung von zentraler Bedeutung ist. Indem der Begriff auf der Gleichursprünglichkeit und der bleibenden Spannungseinheit von individuellem Selbststand und sozialer Verwiesenheit besteht, wendet er sich kritisch gegen Deutungsangebote, die menschliche Existenz entweder auf Kosten der Beziehungshaftigkeit individualistisch verengen oder auf Kosten

seiner Individualität und Eigenständigkeit kollektivistisch verkürzen. Einseitige Verhältnisbestimmungen sind von hier aus im Ansatz zu kritisieren. Eigenwohl und Gemeinwohl bedingen einander.

Zwischen verantwortlicher Freiheit und Schuldanfälligkeit

In den bisher skizzierten Spannungsbögen erschließt sich die Polarität von vernünftiger und verantwortlicher Freiheit und Schuldanfälligkeit, von Schuldfähigkeit und Fehlbarkeit. Auch sie prägt menschliches Leben von Anfang an, was Bildung nicht ignorieren darf. Die Ermächtigung zur Freiheit eröffnet den Raum zum Handeln und Gestalten von Welt; sie fordert heraus zur Verantwortung, zum dialogischen, reflektierten Entscheiden über die eigenen Lebenswege und gesellschaftliche Prozesse. All dies steht aber zugleich in der Ambivalenz möglichen Scheiterns. Menschliche Motive und Absichten sind nicht immer rein, sie sind anfällig für negative Einflüsse und korrumpierbar. Eine christliche Anthropologie ist daher realistisch: Sie geht davon aus, dass diese Anfälligkeit im irdischen Leben nicht überwindbar ist - das ist ein Sinngehalt der theologischen Rede von der Erbsünde (natura corrupta). Der Mensch vermag seine Existenz nicht selber zu rechtfertigen, sondern ist - theologisch gesprochen - auf Erlösung angewiesen. So ist er bleibend auf Versöhnung angewiesen, um immer wieder einen Neuanfang wagen zu können.

Zwischen Selbstüberschreitung und Sterblichkeit

Jedes menschliche Leben geht von Anfang an auf den Tod zu. Ein christliches Verständnis setzt die Erfahrung von Endlichkeit und Sterblichkeit in ein Spannungsverhältnis mit der Fähigkeit zur Transzendenz und der Hoffnung auf Erlösung. Die Fähigkeit, Distanz zu sich selbst zu nehmen, die Sinnfrage zu stellen und sich nicht im jeweiligen Tagesgeschäft buchstäblich zu erschöpfen, steht immer schon im Zeichen der Todesperspektive eines jeden menschlichen Lebens. Christlicher Glaube kann aber an die erste Grundspannung von Verdanktheit und Eigenständigkeit menschlichen Lebens anknüpfen: Der Glaube an einen guten Schöpfer-Gott erübrigt nicht die Frage nach dem „Wozu" von Leiderfahrung und Todesverfallenheit; diese Frage findet im Sinnhorizont biblischer Gotteserfahrung und ihrer christlichen Deutungen keine einfache Antwort. Sie wird vielmehr klagend offen gehalten in der Hoffnung auf den Gott, der sich selbst mit der menschlichen Leidens- und Todeserfahrung gemein gemacht hat und stets an der Seite der Trauernden und Schwachen steht. Er kommt damit nicht als Vertröster ins Spiel. Vielmehr muss einerseits in seinem Namen buchstäblich alles Mögliche für die Überwindung des Leids getan werden. Andererseits ermöglicht das Festhalten an einer eschatologischen Heilshoffnung Gelassenheit gegenüber hypertrophen, diesseitigen Heilsprophetien bzw. gegenüber einer angestrengten, aber vergänglichen Weltimmanenz. Wird allein Gott als Vollender der Welt geglaubt, geraten damit alle Perfektibilitäts-Ideale (der Bildung) in die Kritik.

Fazit: Durch die skizzierten Spannungsmomente scheint auf, was der abstrakte Begriff „Menschenwürde" in einem christlichen Deutungshorizont meint: Menschsein ist verdankte, zu sich selbst befreite und zu verantwortlichem Handeln ermächtigte, aber endliche und gefährdete Existenz; weil sie verdankt und in ihrer Anfälligkeit von Gott dennoch angenommen ist, entzieht sie sich der letzten Verfügbarkeit durch den Menschen selbst. Deshalb ist die Würde des Menschen unantastbar. Diese Vorstellung wird nicht nur in modernen Rechtsordnungen als Konsensbasis behauptet, sie fungiert zugleich als Prüfkriterium und Korrektiv, von dem her bestimmte gesellschaftliche Handlungsoptionen als unvereinbar ausgeschlossen werden müssen; das christliche Menschenbild ist regulative Idee, nicht Handlungsnorm. Aufgabe der Christinnen und Christen und ihrer Kirchen ist es, diese regulative Idee so in die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Debatten einzubringen, dass ihre kritische Orientierungskraft deutlich wird. Plausibilität gewinnt das Menschenbild aber erst, wenn die hier verankerten Wert-Prioritäten im Kontext von Erziehung und Bildung so zum Tragen kommen, dass sie sich als lebensdienlich erweisen.

 

Paul Platzbecker, PD Dr. theol. habil.